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Hans Stucken: Das Seidhr Handbuch

Hamburg: Daniel Junker Verlag, 2006

Ich habe mich vor einiger Zeit schon mal mit Seidhr theoretisch beschäftigt. Ich habe allerdings nicht wirklich Literatur gefunden, die mir verrät, wie man's macht - bis auf das Buch, das ich jetzt vorstellen will.

Einschub vorneweg: Was ist Seidhr eigentlich? Stucken definiert es folgendermaßen: „Seidhr ist die Ausübung okkulter Praktiken vor dem Hintergrund der nordisch-germanischen Mythologie“ (Stucken, S. 9). Mit „okkulten Praktiken“ meint Stucken die gesamte Bandbreite von Runenmagie über Galdr (magische Arbeit mit der Stimme) und quasi-schamanische Praktiken bis zur Spá-Reise. Kurt Oertels Begriffsklärung zufolge dient Seidhr „im Altnordischen ganz eindeutig [als] Oberbegriff für Magie insgesamt und faßt genau all jene […] Praktiken zusammen, die wir auch heute unter dem Begriff ‚Magie’ verstehen.“ (zitiert nach: Stucken, S. 11, der zitierte Aufsatz ist auch hier zu finden. (pdf, 92kb))

Hans Stucken will mit seinem "Seidhr Handbuch" einen Beitrag zu einer „gemeinschaftlichen kulturellen Entwicklung“ auf dem Gebiet des Seidhr leisten. Er hat eine angenehm und flüssig lesbare Überblicksarbeit geschrieben und leistet dabei eine relativ systematische und konsistente Begriffsklärung, die sich über das nordische Modell der Seele und die Kosmologie der Neun Welten erstreckt. Positiv fällt mir auch der Mangel an Synkretismus auf, der fast schon Purismus zu nennen ist; es wird hier nicht der ansonsten beliebte Versuch unternommen, die nordische Kosmologie mit der Kabbala oder astrologischen Deutungen zu kreuzen.

Das Buch bleibt kurz und knackig – für meinen Geschmack allerdings zu kurz. Für den doch nicht ganz so kleinen Preis (15,80€) hätte ich mir etwas mehr als ein doch recht schmales Bändchen gewünscht. Vieles wird nur angerissen, mehr Ausführlichkeit hätte dem Buch gut getan, insbesondere hätte man aus den doch reichlich vorhandenen Quellen mehr machen können. Auch die Ritual- und Übungsanregungen hätten für ein Handbuch, ein Begriff, der für mich einen starken Praxisbezug nahelegt, ruhig ausführlicher sein dürfen.
Das Buch wirkt teilweise etwas unstrukturiert, z.B. steht „Die Trommel“ etwas verloren zwischen „Selbsterkenntnis“ und „Zahlensymbolik“; eine deutlichere Gliederung wäre nicht verschwendet gewesen.
Bisweilen wirken die häufigen Warnungen und Ermahnungen nervig und abschreckend – trotz der Annahme Stuckens, daß nur solche Leute Seidhr praktizieren sollten, die sich davon nicht abschrecken lassen. Auch die Übungsanleitungen wirkten (ganz den ständigen Ermahnungen zur Disziplin entsprechend) beim Lesen etwas „trocken“ auf mich, sie machten wenig Lust, mich einfach hinzusetzen und sie auszuprobieren. Zur Schulung der Imagination gibt es definitiv lustvollere Anleitungen, die mit weniger erhobenem Zeigefinger daherkommen, z.B. Jan Fries’ „Visual Magick“.
Eine sprachliche Kleinigkeit am Rande: es ist immer nur vom Seidhmann die Rede – gibt es keine Seidhfrauen? Allgemein hätte dem Buch ein liebevolleres Lektorat gut getan, der eine oder andere grobe Zeichensetzungsschnitzer trübt das Lesevergnügen und wäre mit einem Blick mehr vermeidbar gewesen.

Alles in allem jedoch ein Überblick, der trotz seiner Schwächen lesenswert ist. Es bleibt zu wünschen, daß diesem Buch Arbeiten nachfolgen, die die angeschnittenen Themen vertiefen, die Quellen ausführlicher diskutieren und noch mehr Übungs- und Ritualanregungen geben. Der Eindruck bleibt, daß auf dem Gebiet des Seidhr noch viel spannende Arbeit wartet – als „standalone-Anleitung“ reicht mir dieses Buch jedenfalls nicht.

thursa